Kreisarchäologie Rotenburg (Wümme)

Die spätpaläolithische und mesolithische Station Oldendorf 52

Klaus Gerken

Oldendorf

Bei dem Projekt Oldendorf 52 handelt es sich um die Ausgrabung eines spätaltsteinzeitlichen bis mesolithischen Siedlungsgeländes (ca. 12.000 bis 6.500 Kalenderjahre vor Chr.). Der Begriff "Siedlungsgelände" wird definiert als Areal, auf dem über einen kürzeren oder längeren Zeitraum unterschiedliche Tätigkeiten ausgeübt wurden, bzw. Wohnbauten (Hütte/Zelt) gestanden haben. Die Erforschung von Plätzen dieser Zeitstellung stellt im norddeutschen Raum noch immer ein Desiderat dar. Über die Funktionen und die zeitlichen Abläufe und Strukturen dieser Stationen ist bislang wenig bekannt. Dieses resultiert z. T. auch aus dem Umstand, dass sich organische Objekte in den norddeutschen Sandböden nicht erhalten haben. Ebenso stehen weiterreichende Erkenntnisse zu der Entwicklung der Steinschlagtechnik und Geräteherstellung aus. Weiterhin gibt es offene Fragen zu überregionalen Beziehungen der örtlichen Population. Die seit dem Jahr 2000 laufenden Ausgrabungen haben hinsichtlich der genannten Fragestellungen bereits einmalige Ergebnisse geliefert.

Ein kurzer Überblick der Grabungsergebnisse

In der bisherigen Grabungsfläche ist eine erste Aufenthaltsphase bereits während einer Warmphase im Spätglazial, dem Allerød, belegt (ca. 12 000 - 10 750 v.Chr.). Die typischen Geräte dieser Zeit sind sog. Rückenspitzen, Kratzer, Stichel und Bohrer, die als Geschossspitzen und zur Fell-, Holz- und Knochenbearbeitung dienten.

Weitere nachweisbare Siedlungsaktivitäten stammen bereits aus der Nacheiszeit, dem Präboreal. Es konnte eine isolierte Feuerstelle ausgegraben werden. Die aus diesem Befund gewonnene Holzkohle ergab mittels der 14C-Methode ein kalibriertes Alter von ca. 9 140 - 8 800 Jahre v.Chr. Typische Geräte dieser Zeitstellung, insbesondere die mikrolithischen Jagdwaffeneinsätze fehlen bislang.

Stärkere Siedlungstätigkeit ist dann wieder zwischen 7 500 und 7000 v.Chr. belegt. Aus dieser Zeit stammen eine Anzahl von Feuerstellen, die einen unterschiedlichen Aufbau und Erhaltungsgrad aufweisen (Abb. oben). Das deutet darauf hin, dass diese unterschiedliche Funktionen besaßen, wie z.B. die Pechgewinnung, als Herd- oder Kochstelle, als Haselnussröststelle oder als schlichtes Wärmefeuer. Die typischen Mikrolithen, wie sie andernorts aus dieser Zeit vorliegen, fehlen wiederum. Das heißt, dass vor Ort keine Herstellung oder Austausch von bei der Jagd fragmentierten Geräten erfolgt ist. Als Beleg hierfür kann auch das Fehlen der signifikanten Abfallprodukte, den sog. Kerbresten, gewertet werden. Folglich ist eher von Aktivitäten auszugehen, bei denen organisches Material Verwendung fand. Dieses zu belegen gestaltet sich schwierig, da derartige Artefakte, wie bereits erwähnt, sich im örtlichen Bodenmilieu nicht erhalten haben. Zwar lassen sich gelegentlich an den einfachen Klingen und Abschlägen Gebrauchsspuren nachweisen, die auf Arbeiten mit organischen Stoffen hinweisen, jedoch sind diese Artefakte nicht zeittypisch und können auch anderen Siedlungsperioden dieser Fundstelle angehören.

Der Nachweis stärkster Aktivitäten gelang in Oldendorf für die Zeit zwischen ca. 7000 und 6250 v.Chr. mit einem Schwerpunkt zwischen 6700 und 6500 v.Chr. Diese Phase ist mit einer Fülle an signifikanten Mikrolithen belegt. Es handelt sich dabei um endretuschierte Mikroklingen, Trapeze und Dreiecke mit überwiegend langschmaler Ausprägung.

Technologisch gesehen unterscheiden sich diese Dreiecke einerseits signifikant von denen der mittelmesolithischen Zeitstufe insofern, dass sie in den Proportionen einen größeren Längen-/Breitenindex aufweisen. Signifikanter und bedeutender ist aber andererseits, dass sie andere Modifikationsmerkmale aufweisen, wie die ventrale Retuschierung am Ende des langen Schenkels und die partiell oder nicht retuschierten langen Schenkel.

In Niedersachsen gab es bis dahin kein gegrabenes Inventar, das derartige Dreiecke aufwies und eine zeitliche Eingrenzung zuließ. Lediglich sehr vereinzelt lagen sie aus Oberflächenaufsammlungen vor.

Vergleichbare Ausprägungen finden sich dagegen in vielen Stationen Südskandinaviens und dem nördlichen Schleswig-Holstein und werden dort der Spätphase der Maglemose Kultur zugeschrieben, die auf etwa 7000 bis 6700 cal BC datiert wird, also somit bereits in das beginnende Spätmesolithikum.

Obwohl die Daten in Skandinavien tendentiell etwas älter ausfallen, stützen sie doch den zeitlichen Ansatz für Oldendorf. In diesem Zusammenhang muss auf die wenigen bereits vorkommenden Trapeze in Oldendorf hingewiesen werden, die technologisch gesehen noch auf die Mikroklingentechnik des ausgehenden Mittelmesolithikums und beginnenden Spätmesolithikums aufbauen, also noch nicht die Makroklingentechnik zeigen, wie sie im entwickelteren Spätmesolithikum in Erscheinung tritt.

Zudem lässt sich aus dem Auftreten der genannten Dreiecktypen im südlichen Niederelbegebiet erstmalig auch, wie schon für die Bromme-Spitzen des Spätpaläolithikums, auch für das Spätmesolithikum eine enge Verknüpfung mit dem nordischen Mesolithikum ableiten.

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